Beim Lupus alpha Investment Fokus 2026 zeichnete Gary Gensler, ehemaliger Vorsitzender der US-Börsenaufsichtsbehörde SEC sowie früherer Professor am MIT Sloan School of Management, ein Bild eines Finanzsystems, das zugleich robust und empfindlich ist: robust in seiner globalen Rolle, aber zunehmend anfällig durch politische Einflussnahme, fiskalische Belastungen, geopolitische Brüche und technologische Pfadabhängigkeiten. Seine zentrale Botschaft lautete, dass die Märkte in eine Phase eintreten, in der institutionelles Vertrauen und makroökonomische Steuerungsfähigkeit selbst zu entscheidenden Risikofaktoren werden. „Wir sollten nicht annehmen, dass die Grundlagen von gestern auch die Stabilität von morgen garantieren“, sagt Gensler.
Zunächst betonte Gensler die Rolle der Federal Reserve. Die Unabhängigkeit der Notenbank sei traditionell ein wesentlicher Stabilitätsanker der USA, doch sei diese Unabhängigkeit kein statischer Zustand, sondern ein Kontinuum. Zwar sei die Fed rechtlich autonom, in der praktischen Entscheidungspraxis jedoch zunehmend politischem Druck ausgesetzt; besonders im Kontext der Debatte um die Neubesetzung des Fed-Vorsitzes. Umso bedeutsamer sei die Wahrnehmung internationaler Investoren, die genau beobachten, in welchem Maße geldpolitische Entscheidungen noch primär an Inflationszielen orientiert seien oder bereits Rücksicht auf fiskalische Tragfähigkeiten nähmen. Gensler erklärt: „Unabhängigkeit ist kein binäres Konzept. Sie ist graduell und sie kann erodieren, ohne dass es jemand laut ausspricht. Die Marktteilnehmer müssen erkennen, dass politische Eingriffe die Entscheidungsfähigkeit der Fed bereits heute beeinflussen.“
Vor diesem Hintergrund erläuterte Gensler die strukturellen Ursachen der hartnäckigen Inflation. Diese liege derzeit bei 2,9 Prozent, angetrieben vor allem von Dienstleistungen und Wohnkosten, die geldpolitisch schwer zu dämpfen seien. Gleichzeitig stiegen die US-Haushaltsdefizite weiter, während die USA eine expansive Industrie- und Sicherheitsstrategie verfolgten. Dadurch erhöhe sich der Refinanzierungsbedarf des Staates. Entscheidend sei daher weniger die Frage, ob die USA ihre Schulden bedienen können, sondern wer diese Schulden absorbiert und zu welchen Konditionen. „Die Frage ist nicht die Zahlungsfähigkeit der USA, sondern der Preis ihrer Finanzierung.“ Ausländische Zentralbanken und große institutionelle Investoren seien längst weniger aktiv als früher, während die Federal Reserve ihre Bilanz reduziert. Das Gleichgewicht verschiebe sich, und höhere Risikoprämien könnten erforderlich werden. Dies sei nicht zwingend ein Krisenszenario, könne jedoch zu einem dauerhaft höheren Zinsniveau führen, das Vermögensbewertungen, Refinanzierungskosten und Haushaltsplanung neu justiere. „Das neue Normal könnte einfach teurer werden.“
Den zweiten großen Risikokomplex verortete Gensler in der geopolitischen Ordnung. Der US-Dollar bleibe zweifellos die dominante Weltwährung, doch basiere seine Rolle nicht allein auf ökonomischer Leistungsfähigkeit, sondern auf einem Vertrauen in politische Stabilität, sicherheitspolitische Verlässlichkeit und die Fähigkeit der USA, in Krisen als globaler Liquiditätsanker zu fungieren. „Der Dollar dominiert nicht wegen Effizienz, sondern wegen Vertrauen.“ Besonders der Offshore-Dollar-Markt von rund zwölf bis 13 Billionen Dollar setze voraus, dass die USA bereit sind, auch außerhalb ihrer Grenzen Liquidität zu sichern. Wenn die USA sich aus ihrer Rolle als globaler Ordnungsmacht teilweise zurückzögen, könne dies nicht zu einem abrupten Bruch führen, wohl aber zu einer schleichenden Veränderung der Risikoprämien und damit der Refinanzierungsbedingungen. „Hegemonie endet nicht schlagartig. Sie verändert ihre Intensität“, so Gensler.
Einen dritten Schwerpunkt legte Gensler auf technologische Transformation und Marktdynamik. Die hohe Marktkonzentration im Technologiesektor, die zehn größten US-Unternehmen repräsentieren mittlerweile rund 40 Prozent der gesamten Marktkapitalisierung, erhöhe die systemische Anfälligkeit. Gleichzeitig nutzten heute tausende Finanzinstitutionen KI-basierte Modelle, die zunehmend auf ähnlichen Datensätzen und identischen Optimierungslogiken basierten. „Wenn die Modelle konvergieren, konvergieren auch die Fehler“, erklärt Gensler und betont, dass damit das Risiko steige, dass Marktreaktionen in Stressphasen synchron ablaufen. Korrekturen könnten dadurch stärker, schneller und gleichzeitig erfolgen; nicht, weil die Fundamentaldaten dies rechtfertigten, sondern weil Modellarchitekturen und Datenstrukturen Konvergenzen erzeugten. „Märkte können heute schneller kippen als früher, nicht wegen Informationen, sondern wegen Algorithmen“, so Gensler.
Gensler warnte dabei nicht vor einer unmittelbaren Krise. Kurzfristig halte er eine Phase stagnierender Nachfrage für wahrscheinlicher als eine neue Inflationswelle, insbesondere wenn der gegenwärtige Investitionsschub in künstliche Intelligenz zyklisch abflaue. Doch betonte er, dass die Stabilität der US-Kapitalmärkte heute stärker vom Vertrauen in politische Institutionen, regulatorische Kontinuität und die Glaubwürdigkeit geldpolitischer Ziele abhänge als von der reinen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. „Die größte Ressource eines Finanzsystems ist Glaubwürdigkeit. Und Glaubwürdigkeit ist schwer zu gewinnen und leicht zu verlieren.“ Sollte dieses Vertrauen erodieren, könne die Wiederherstellung Jahrzehnte dauern. „Vertrauen ist langsam. Vertrauensverlust ist schnell.“
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